Verschlossene Schubladen

von Sinem Eker-Karat

„… und dann ging es eigentlich nur darum, dass es die Kollegin nicht so meint, anstatt zu schauen, wie es mir damit geht.“ Neulich hat mir eine Frau erzählt, dass sie nach einem Rassismusvorfall von der Leiterin des Beschwerdemanagements nicht ernst genommen wurde. Ihre berichteten Rassismuserfahrungen wurden förmlich zur Kenntnis genommen und sind  anschließend genauso wie die Gesprächsnotizen säuberlich abgeheftet wurden und in einer Schublade verschwunden. Das Problem scheint für die Verantwortliche gelöst, schließlich hat niemand gekündigt – für die Betroffene allerdings nicht. Sie fühlt sich abgefertigt, ist geplagt von Selbstzweifeln und erlebt den Vorfall als Teil eines Musters vieler vergangener Erfahrungen, das sie zunehmend aus der gesellschaftlichen Mitte drängt bzw. ihr niemals einen vollen Platz darin ermöglicht hat. Die junge Frau ist Muslima und trägt ein Kopftuch und ist mit diesen Gedanken nicht allein.

Ich denke zurück an Erfahrungen von Freundinnen und Familienmitgliedern, die ähnliches berichtet haben: Bewerbungsgespräche, in denen nicht die Qualifikation im Mittelpunkt steht, sondern die religiöse Zugehörigkeit. Oder Momente, in denen sich die Worte des Gegenübers plötzlich verlangsamen und überdeutlich artikuliert werden, weil ältere Frauen mit Kopftuch wahrscheinlich nicht ausreichend Deutsch sprechen könnten.

Auch ich kenne solche Situationen: Paradox scheint die Tatsache, dass selbst obwohl ich eingeladen bin, zum Thema Rassismus zu referieren, Gruppen fortzubilden oder Teams beratend zur Seite zu stehen, meine Position regelmäßig unbewusst in Frage gestellt wird. Ich wurde in der Vergangenheit schon in eine andere Abteilung geschickt, weil angenommen wurde, ich wolle zum Deutschkurs, wurde aus dem Lehrkräftezimmer geworfen, weil Mütter keinen Zutritt hätten und gefragt, seit wann ich als Praktikantin denn dabei sei.

Auch meine Expertise wird regelmäßig angezweifelt. Fragen danach, ob ich denn überhaupt studiert hätte („Ja, auch einen Master“), wie alt ich denn überhaupt sei („32“) und ob ich nicht zu befangen in der Thematik sei („nein, siehe unten“). Überhaupt sei ich zu emotional, zu rückschrittlich und würde von den zwei drei blöden Erfahrungen, die ich als Frau mit Kopftuch gemacht habe, pauschal auf alle anderen Menschen schließen.

In vielen Räumen, in denen ich lehre, wird Objektivität hochgehalten, die in diesem Zusammenhang relativ simpel als ein nicht-von Rassismus-betroffen-sein definiert wird. Unabhängig davon, dass ich nicht glaube, dass irgendein Mensch wirklich neutral sein kann (nicht einmal die KI, aber das ist ein Thema für einen anderen Text) verbaut ein solcher Anspruch die Möglichkeit einen neuen Zugang zum Lernen zu nutzen. Obwohl ich jahrelang Bücher gewälzt, Vorlesungen besucht und Forschungsergebnisse verfolgt habe und es weiterhin tue, wird mir regelmäßig unterstellt kein fundiertes Wissen zu besitzen und stattdessen meine Betroffenheit diskutiert. Erfahrungswissen und Fachwissen sind keine Widersprüche, sondern ergänzen sich hervorragend. Schließlich habe ich den immensen Vorteil, reale Beispiele zu nutzen, um komplexe Theorien zu veranschaulichen.

Jede rassistische Erfahrung – gewollt oder ungewollt – bestätigt mir immer wieder aufs Neue, dass ich in den Augen vieler Menschen keine selbstbestimmte, intelligente und professionelle Fachperson sein kann. Erstrecht keine, die andere Fach-/Führungskräfte fortbildet. Wir haben in der Gesellschaft eine grob geteilte Vorstellung davon, wie eine Person aussieht, die solche Adjektive verdient und die trägt zumindest mal kein Kopftuch.

Besonders interessant wird es in Gruppen, in denen sich die meisten Teilnehmenden bereits für fortgeschritten in ihrer persönlichen Anti-Rassismus-Reise halten. Sobald es um die eigene Institution oder Person geht, werden mantrahaft Satzanfänge wie „In anderen Institutionen ist es ja ganz schlimm…“ oder „Also ich bin ja ganz offen, aber…“ wiederholt. Ein Rassismusproblem haben immer nur die anderen. Und das ist durchaus verständlich, denn ich bin der Überzeugung, dass die meisten Menschen nicht rassistisch sein wollen. Von Abwehr und Ignoranz werden Betroffene allerdings nicht gestärkt und weder die institutionellen noch gesellschaftlichen Probleme weniger. Die Erlebnisse existieren weiter, landen aber bloß in der Schublade, wo auch die Erfahrungen der oben erwähnten jungen Frau abgelegt sind. Solange diese Schublade geschlossen bleibt, fühlen sich viele Verantwortliche entlastet, viele Betroffene aber belastet: Erfahrungen bleiben unsichtbar, Strukturen unverändert und Muster wiederholen sich – auf Kosten von ohnehin marginalisierten Menschen.

Sinem Eker-Karat ist freie Referentin für die Themen Rassismuskritik und Empowerment und bietet seit vielen Jahren bundesweit Seminare und Vorträge zur Sensibilisierung und Weiterbildung an.

Copyright: Sinem Eker-Karat

 

Geschwungene Linien
Kachel mit Text Sinem-Eker Karat

Das Online-Dossier

Dieser Text ist Teil des Online-Dossiers “Gemeinsam stark!” Hier schreiben Expertinnen aus der Bildungspraxis über die Themen der Qualifizierungsreihe und geben einen Ein- und Ausblick in ihre Arbeitsfelder: Resilienz und Selbstfürsorge, Female Empowerment, Organisationen diverser aufstellen, Sexismus in der Gleichstellungsarbeit in Niedersachsen. Hier geht es zu allen Texten: Online-Dossier

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