Chancen für die Gleichstellungsarbeit in Niedersachsen
Sehr geehrte Editha Schwohl-Masberg,
Sie sind Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Nienburg und setzen sich in Ihrer Funktion für Chancengleichheit ein.
Gleichstellungspolitik steht gesellschaftlich unter Druck. Wo sehen Sie derzeit die größten Herausforderungen für Gleichstellungsbeauftragte in Niedersachsen?
In Niedersachsen gilt: Ab 20.000 Einwohner*innen müssen Kommunen eine hauptamtliche Gleichstellungsbeauftragte bestellen – auf dem Papier ist das ein Fortschritt, in der Praxis oft ein Kraftakt. Denn der Aufgabenbereich ist enorm: von Gewaltprävention über Vereinbarkeit von Familie und Beruf bis hin zu geschlechtergerechter Stadtentwicklung – vielerorts reicht die Zeit schlicht nicht, um all das zu stemmen. Unterhalb der 20.000er-Grenze bleibt Gleichstellungsarbeit häufig Neben- oder Ehrenamt, getragen von hoch engagierten Frauen, denen jedoch strukturell weniger Ressourcen und weniger formale Macht zur Verfügung stehen. Das Ergebnis ist ein Flickenteppich: Wie ernst Gleichstellung genommen wird, hängt immer noch davon ab, in welcher Kommune man lebt.
Gleichzeitig geraten Gleichstellungsbeauftragte zunehmend unter Druck. Der Sinn ihrer Arbeit wird offen angezweifelt, Gleichstellungsstrukturen werden als „überflüssig“ oder „ideologisch“ abgewertet, antifeministische Narrative sind wieder salonfähig. Diese Stimmungslage verschärft den Druck auf die Beauftragten, die sich nicht nur gegen strukturelle Hürden, sondern auch gegen laute Anfeindungen behaupten müssen. Die eigentliche Herausforderung besteht daher nicht nur darin, eine flächendeckende, professionelle Struktur zu schaffen, sondern Gleichstellung als demokratischen Kernauftrag sichtbar zu verteidigen – gerade dann, wenn der Gegenwind stärker wird.
Welche neuen Chancen und konkreten Handlungsspielräume sehen Sie aktuell für Gleichstellungsarbeit in Niedersachsen – insbesondere in ländlichen Räumen?
In ländlichen Regionen Niedersachsens zeigen sich die Herausforderungen für Gleichstellung besonders deutlich, und gerade daraus erwachsen auch neue Ansatzpunkte für die Arbeit vor Ort. Sichtbar werden hier vor allem strukturelle Barrieren, etwa Kinderbetreuung, die oft nur am Vormittag angeboten wird, ein ausgedünnter öffentlicher Nahverkehr, marode Infrastruktur und eine teilweise unzureichende ärztliche Versorgung bei gleichzeitig extrem knappen kommunalen Kassen.
Neue Handlungsspielräume entstehen vor allem durch kluge Vernetzung und langen Atem: Wenn Gleichstellungsbeauftragte lokale Akteur*innen – von Politiker*innen über Vereine bis zur Zivilgesellschaft – zusammenbringen, können gemeinsam Lösungen entwickelt werden, die vor Ort tatsächlich tragfähig sind. Gleichzeitig braucht Gleichstellungsarbeit Zeit, weil es um Veränderungen von Strukturen, Routinen und Machtverhältnissen geht, nicht nur um punktuelle Projekte. Gerade in ländlichen Räumen liegt darin auch eine Chance: Wer über längere Zeit hartnäckig dranbleibt, Beziehungen aufbaut und Allianzen schmiedet, kann nachhaltige Veränderungen anstoßen, die über einzelne Legislaturperioden hinaus wirken.
Wo muss sich Gleichstellungspolitik neu denken oder neu erfinden, um zukunftsfähig zu bleiben?
Gleichstellungspolitik muss sich weniger neu erfinden als selbstbewusst klarmachen, dass sie ein unverzichtbarer Bestandteil einer demokratischen Gesellschaft ist. Sie bleibt zukunftsfähig, weil sie genau dort ansetzt, wo Demokratie konkret wird: bei der Anerkennung unterschiedlicher Lebensrealitäten, bei der Herstellung von Chancengerechtigkeit für alle und beim Aushalten von Unterschieden, ohne sie gegeneinander auszuspielen.
Neu denken heißt vor allem, Gleichstellung nicht als Nischenthema für „Frauenfragen“ zu behandeln, sondern als Querschnittsaufgabe in allen Politikfeldern – von Klima- und Digitalpolitik über Arbeit und Pflege bis zur Stadtentwicklung. Zukunftsfähig bleibt sie, wenn sie Vielfalt ernst nimmt, Privilegien und Machtverhältnisse klar anspricht und Instrumente entwickelt, die unterschiedliche Lebensmodelle ermöglichen, statt sie zu normieren.
Editha Schwohl-Masberg ist Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Nienburg an der Weser und Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Gleichstellung in Niedersachsen.
Das Online-Dossier
Dieser Text ist Teil des Online-Dossiers “Gemeinsam stark!” Hier schreiben Expertinnen aus der Bildungspraxis über die Themen der Qualifizierungsreihe und geben einen Ein- und Ausblick in ihre Arbeitsfelder: Resilienz und Selbstfürsorge, Female Empowerment, Organisationen diverser aufstellen, Sexismus in der Gleichstellungsarbeit in Niedersachsen. Hier geht es zu allen Texten: Online-Dossier
