Selbstfürsorge, Resilienz und Engagement
Liebe Gośka Soluch,
Sie waren in unserer Qualifizierungsreihe „Gemeinsam Stark” als Supervisorin tätig und haben auch das Modul zu Selbstfürsorge und Resilienz geleitet.
Was bedeutet für Sie Resilienz, was Selbstfürsorge?
Für mich ist Resilienz nicht die Fähigkeit, alles auszuhalten. Resilienz bedeutet für mich, im Gegenwind handlungsfähig zu bleiben, ohne hart zu werden – und ohne mich selbst zu verlieren. Es ist die Kunst, Belastungen einzuordnen, mir Unterstützung zu holen, Prioritäten zu setzen und in schwierigen Situationen meine Werte nicht zu verraten. Resilienz ist für mich immer auch politisch: Sie hängt nicht nur von innerer Stärke ab, sondern davon, ob Menschen in Strukturen arbeiten, die sie tragen – oder sie erschöpfen.
Selbstfürsorge ist für mich eine professionelle und politische Praxis, weil sie sich gegen die Erwartung stellt, ständig verfügbar und belastbar zu sein. Sie bedeutet, Grenzen zu setzen, Ressourcen zu schützen und die eigene Handlungsfähigkeit langfristig zu sichern. Ich verstehe Selbstfürsorge als bewusste Entscheidung: Ich will wirksam bleiben, ohne mich selbst zu verbrauchen – und nicht erst reagieren, wenn Überforderung zum Normalzustand geworden ist.
Warum ist Selbstfürsorge gerade für Menschen, die sich (gleichstellungs)politisch engagieren, besonders wichtig?
Weil dieses Engagement häufig in einem Klima stattfindet, in dem Gleichstellung immer wieder infrage gestellt, abgewertet oder lächerlich gemacht wird – und weil viele Engagierte nicht nur beruflich, sondern auch existenziell betroffen sind. Gerade in gleichstellungspolitischen Feldern geht es um Körper, Identität, Rechte, Gewalt, Macht und Anerkennung. Das lässt sich nicht einfach nach Feierabend ablegen.
Ich erlebe immer wieder, wie Engagierte zwischen zwei Polen stehen: auf der einen Seite die Dringlichkeit (,,Es muss sich etwas ändern!”), auf der anderen Seite die Realität begrenzter Kräfte. Selbstfürsorge ist dann kein Rückzug, sondern eine bewusste Form von Nachhaltigkeit. Sie ist die Entscheidung, nicht auszubrennen, sondern zu bleiben – nicht nur als Funktion, sondern als Mensch. Für mich ist Selbstfürsorge ein Weg, in der eigenen Haltung zu bleiben.
Inwiefern kann Resilienz in einem immer angespannteren bis offen feindseligen Klima Engagierte schützen? Wo sind Grenzen?
Resilienz schützt, indem sie hilft, Angriffe nicht zu personalisieren und Muster zu erkennen: Was ist sachliche Kritik – und was ist strategische Delegitimierung? Was ist Konflikt – und was gezielte Einschüchterung? Resilienz zeigt sich hier in Kompetenzen wie klarer Kommunikation, dem Aufbau von Bündnissen, dem Dokumentieren von Vorfällen, dem Setzen von Grenzen sowie der Fähigkeit, zu deeskalieren – und zu wissen, wann Eskalation notwendig ist, etwa über Dienstwege, Moderation, Hausrecht oder rechtliche Schritte.
Gleichzeitig sind die Grenzen von Resilienz wichtig. Sie darf nicht bedeuten, dass Einzelne ein toxisches Klima „wegatmen” sollen. Wenn Strukturen feindselig sind oder Schutz fehlt, braucht es institutionelle Verantwortung: klare Leitlinien, Rückendeckung durch Führung, Schutzkonzepte, Beschwerdewege sowie Personal- und Rechtsunterstützung. Resilienz kann strukturelle Veränderung nicht ersetzen.
Welche Bedeutung hat Supervision im Kontext von (gleichstellungs)politischem Engagement? Und wie trägt sie zu Resilienz bei?
Supervision ist ein zentraler Schutz- und Klärungsraum, gerade für Rollen, die zwischen Politik, Verwaltung, Hochschule und Öffentlichkeit vermitteln. In der Praxis entstehen hier spezifische Belastungen: Loyalitätskonflikte, ständige Rechtfertigung, Grenzverletzungen, ,,unsichtbare” Zusatzarbeit, emotional anspruchsvolle Fälle und Konflikte in Gremien.
Supervision stärkt Resilienz, weil sie Entlastung ermöglicht, Rollen klärt (Mandat, Auftrag, Grenzen), hilft, Angriffe einzuordnen und Strategien zu entwickeln, die eigene Haltung stabilisiert und Teams sowie Netzwerke stärkt. Zusätzlich unterstützt sie dabei, Prioritäten zu setzen und den eigenen Handlungsspielraum realistisch einzuschätzen – gerade bei hohen Erwartungen und knappen Ressourcen. So entsteht wieder mehr Klarheit, Sicherheit und Mut, die eigene Position gut vertreten zu können.
Was wünschen Sie sich für die ehemaligen und zukünftigen Teilnehmer”innen der Qualifizierungsreihe?
Ich wünsche mir, dass die Teilnehmer*innen sich nicht vereinzeln lassen, sondern sich bewusst als Teil eines professionellen Netzwerks verstehen. Antifeminismus und Rassismus wirken oft über Spaltung, Verunsicherung und das lnfragestellen der eigenen Wahrnehmung – umso wichtiger sind fachliche Sicherheit, Verbündetsein und der Mut, Position zu beziehen: klar, konsequent und zugleich dialogfähig.
Ergänzend wünsche ich mir institutionelle Strukturen, die diese Arbeit tragen: klare Zuständigkeiten, Rückendeckung durch Leitung und Gremien sowie Zeit, Räume und Ressourcen für Vernetzung, Supervision und Fortbildung. Wenn diese Arbeit strukturell anerkannt und finanziell abgesichert ist, entsteht nachhaltige Handlungssicherheit und Wirksamkeit.
Gośka Soluch ist Dozentin, Coach und Supervisorin mit Schwerpunkt auf Antidiskriminierung und Stressmanagement. In ihrer Arbeit schafft sie Reflexionsräume, die entlasten und Handlungssicherheit stärken. Dabei ist ihr wichtig, Wirksamkeit zu ermöglichen, ohne dass Menschen sich dabei selbst aufbrauchen.
Das Online-Dossier
Dieser Text ist Teil des Online-Dossiers “Gemeinsam stark!” Hier schreiben Expertinnen aus der Bildungspraxis über die Themen der Qualifizierungsreihe und geben einen Ein- und Ausblick in ihre Arbeitsfelder: Resilienz und Selbstfürsorge, Female Empowerment, Organisationen diverser aufstellen, Sexismus in der Gleichstellungsarbeit in Niedersachsen. Hier geht es zu allen Texten: Online-Dossier
